05.10.06

Artgerechte Haltung

40. Four-Stroke-Trial bei Rudi Munstermann in Brockhöfe.


40. Four-Stroke-Trial bei Rudi Munstermann in Brockhöfe.

Nein, es handelt sich hier nicht um eine Abhandlung über naturnahe Gehege für seltene Zootiere, aber eine gewisse Ähnlichkeit hat die Sache schon. Mitte März trafen sich die Besitzer einer fast ausgestorbenen Motorradgattung in Brockhöfe bei Lüneburg. Motorradtrial ist in Deutschland, abgesehen von den gelegentlichen Profiveranstaltungen im Sportfernsehen, eine fast unbekannte Randsportart. Noch exotischer ist der Veteranentrialsport. Bis Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde Trial fast ausschließlich mit langhubigen Viertaktern aus englischer Fertigung gefahren. Dies waren im Grunde Umbauten der damals üblichen Straßenmotorräder, welche mit mehr oder weniger großem Aufwand an die Erfordernisse des Trialsports angepasst wurden. Aber auch auf dem Festland wurde damals schon Trial gefahren und fleißig geschraubt. Dadurch kommen zu den BSA, Ariel, Triumph, Norton und Royal Enfield auch andere Fabrikate wie FN, Horex, Aermacchi, NSU und eine Sarolea, welche das Bild abrunden.

 

Was macht aber ein Besitzer einer solchen Maschine heute damit? Veteranenrennmotorräder gehören ins Museum oder besser noch auf die Rennstrecke. Veteranentrialmotorräder gehören dementsprechend in das passende Gelände. Moderne Trialgelände und Veranstaltungen mit ihren künstlichen Hindernissen sind für diese Art von Fahrzeugen wenig geeignet. Deshalb hat Rudi Munstermann seine bereits 40. Trialveranstaltung ganz auf die Anforderungen dieser historischen Sportgeräte abgestimmt. Um das Teilnehmerfeld aufzustocken kommen noch Trialmotorräder bis Mitte der 80er Jahre dazu. Dies sind dann Zweitakter von Montesa, Fantic, SWM, Ossa, Bultaco, aber auch einige ältere Viertakthondas. Hauptzulassungskriterium ist die Rahmenbauweise mit zwei Federbeinen. Monofederbeine oder auch Scheibenbremsen und Carbonteile sind nicht erlaubt. Zum Jubiläum brachten über 150 Starter aus Deutschland, Österreich, England, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Belgien und den Niederlanden ihre Schätzchen zum Zweck der artgerechten Verschmutzung in die Lüneburger Heide. Die Aufteilung in historische „Alteisen“ und „moderne“ Twinshocker hält sich dabei die Waage. Mr. Four-Stroke Rudi Munstermann Eingeteilt nach Bauart (z.B. separates Getriebegehäuse, Starrrahmen, 2- und 4-Takt-Twinshocker) waren am Samstag und Sonntag je eine Runde mit jeweils 30 Sonderprüfungen, sogenannte Sektionen, abzufahren, in denen möglichst kein Fuß die Erde berühren soll.

 

Das Gelände um Rudis alte Zimmerei eignet sich hervorragend für eine solche Veranstaltung. Das ehemalige Firmengelände dient als Fahrerlager und die alte Bretterhalle mit den an den Wänden gestapelten Werkzeugen und Motorradteilen gibt den passenden Rahmen für die gemütlichen Abende am Kanonenofen. Hierzu muss man besonders herausstellen das es sich beim Ausrichter nicht um einen Verein, sondern um Rudis Familie mit einer Handvoll Freunden handelt, die diese Großveranstaltung über die Bühne bringt. Selbstgebackener Kuchen und Verpflegung fast rund um die Uhr sorgen für Wohlbefinden. Dies funktioniert nur mit einer Organisationsform die bei den heutigen Trials nicht mehr üblich ist. Die Fahrer werden in Grüppchen von etwa 8-10 Fahrern in die Wertungsrunde geschickt und bepunkten sich gegenseitig. Dies reduziert den Personalaufwand im Gelände auf null und funktioniert hervorragend.

 

Die 30 Sektionen befinden sich auf einem etwa 6 km langen Rundkurs in den umliegenden Wäldern und am Rand einer Kiesgrube. Die Geländeabschnitte mit Kieselsteinen, Steinfeldern, Schlammlöchern, steilen langen Sandauffahrten und enge Waldpassagen geben einen Querschnitt aus den Anforderungen der historischen Trials der letzten 40 Jahre und sind dort von Rudi im Laufe der letzten Jahrzehnte angelegt worden. Die gepunkteten Sektionen sind für alle Klassen gleich. Allein die Anzahl und die verschiedensten Bodenverhältnisse sorgen dafür, dass es zu einer Wertung kommt. Umso erstaunlicher ist es, dass es nach zwei Tagen und 60 Sektionen zwei Fahrer gab, die nur einmal den Fuß zur Hilfe nehmen mussten. Dies war aber die Ausnahme. Die Sektionen stellten sich wegen der teilweise 15 cm hohen Schneedecke als anspruchsvoll aber erstaunlich gut fahrbar heraus. Der sandige Boden war unter dem Schnee nicht gefroren, obwohl die Temperaturen auch tagsüber kaum über dem Nullpunkt lagen. Die Schneedecke auf den Verbindungswegen machte auch diese Strecken zu einer Konzentrationsübung.

 

Die Atmosphäre bei dieser Veranstaltung ist sicher einmalig in Deutschland. Zu den interessantesten Objekten dieses rollenden Museum gehören sicher auch die teilweise genauso alten Fahrer, die gerne ihre Geschichten aus den internationalen Wettbewerben der letzten Jahrzehnte weitergeben. Auch als Neuling mit einer sicher nicht toprestaurierten Montesa von 1984 habe ich mich in diesem Kreis wohlgefühlt und wünsche mir, dass diese traditionsreiche Veranstaltung noch lange weiterbesteht. Der Einstieg in den Veteranentrialsport mit einem fahrbereiten Twinshocktrialer ist mit etwas Glück und Arbeitsaufwand für unter 1000 Euro möglich. Damit ist diese Art des Trials sicher die preisgünstigste Möglichkeit Motorsport zu betreiben.

 

Infos zu Terminen des Veteranentrial gibt es im Internet unter

www.hanse-classics.de

 

Mehr Bilder und Informationen zu den Motorrädern findet man unter www.trialmopeds.de

Zuschauer in Wanderschuhen oder mit Gummistiefeln sind in diesem rollenden Museum immer gerne gesehen. Der Eintritt ist frei. Schaut doch einfach mal vorbei.

 

Text: Michael Tubes

Fotos: Jens-Peter Bonse

LV-Rhein-Ruhr e.V.